Kongress Heidelberg Juni 2014

Kongress

Anders Wirtschaften
Neue Wege der Transformation

Ein Kongress der Akademie Solidarische Ökonomie in Kooperation mit der Initiative Gemeinwohlökonomie Rhein-Neckar, dem Eine-Welt-Zentrum und Gruppen aus dem WeltHaus

Heidelberg
Forum am Park und Stadtbücherei mit Themenforum und Markt der Möglichkeiten

13. bis 15.Juni 2014

Referenten:
Prof. Dr. Helge Peukert, Uni Erfurt, Finanzwissenschaftler
Christian Felber, freier Journalist (Mitgründer Gemeinwohl-Ökonomie)
Daniela Dahn, Buchautorin
Prof. em. Dr. Bernd Fittkau, Uni Göttingen, Psychologe
Dr. Dag Schulze, Klima-Bündnis
Dr. Gerhard Schick, MdB, finanzpol. Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion

Zum Kongress in Heidelberg
Die meisten Menschen in den wohlhabenden Industrieländern sind sich vollkommen über das Versagen der jetzigen Wirtschaftsweise im Klaren. Die Entwicklung einer Alternative stellt uns allerdings vor immense Herausforderungen, die nur in einem sich entwickelnden kollektiven Prozess zu meistern sind.

In der Tagung „Anders Wirtschaften – neue Wege der Transformation“ kommen Fachleute und interessierte Bürgerinnen und Bürger über die Prinzipien und Gestaltungsmöglichkeiten einer neuen Wirtschaftsweise ins Gespräch. Es geht nicht um Patentrezepte, sondern um einen lebendigen Dialog, um die gemeinsame Suche nach guten Lösungen.

Mit Prof. Helge Peukert, Christian Felber, Daniela Dahn, Prof. Bernd Fittkau, Dr. Dag Schulze und Dr. Gerhard Schick haben wir kompetente Gesprächspartner gefunden, die mit ihren anregenden Diskussionsbeiträgen wertvolle Impulse für die weitere Arbeit der Akademie gegeben haben. (s. Tagungsdokumentation )

„Machtwirtschaft nein danke“ – Wege zu einer anderen Wirtschaft
Der von der Akademie Solidarische Ökonomie und der Gemeinwohl-Ökonomie Rhein-Neckar gemeinsam geplante und durchgeführte Kongress samt dem begleitenden Markt der Möglichkeiten hat gezeigt, dass Wirtschaft keineswegs eine reine Experten-Domäne ist. Vielmehr braucht auch die Wirtschaft ein bürgerschaftliches Engagement, um Kreativität und Gestaltungswillen auch in die Weiterentwicklung unserer Art zu wirtschaften einzubringen. Mehr als 20 Gruppen aus dem Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis haben auf dem „Markt der Möglichkeiten“ gezeigt, welche Möglichkeiten alternatives Wirtschaften schon jetzt bereit hält. Der „Markt der Möglichkeiten“ war integraler Bestandteil des Kongresses – und bildete eine Brücke von der Theorie zur gelebten Praxis. 

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen Dr. Gerhard Schick (Grüne) und Christian Felber, Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ), diskutieren bei der Tagung „Anders Wirtschaften“ der Akademie Solidarische Ökonomie in Heidelberg über alternative Wirtschaftssysteme.

„Vermachtung ist das Kernproblem des Marktes,“ so Gerhard Schick bei der Podiumsdiskussion der Tagung „Anders Wirtschaften“ am Samstag in der Stadtbücherei Heidelberg. Mit dieser Aussage nimmt er eine Haltung ein, die nur selten von Bundespolitikern so deutlich formuliert wird. Professor Dr. Helge Peukert, Universität Erfurt, die Autorin Daniela Dahn und Dr. Harald Bender stritten an der Seite von Schick um die „richtige“ Alternative zur gegenwärtigen Wirtschaftsordnung.

Die Akademie Solidarische Ökonomie, eine Arbeitsgemeinschaft der Stiftung Ökumene, beschäftigt sich seit 2008 – also dem Beginn der Eurokrise – mit den Folgen immer weniger regulierter Märkte – und gleichzeitig mit der Frage, wie die Wirtschaft wieder den Menschen dienen kann. Bei ihrer Jahrestagung in Heidelberg ging die Akademie der Frage nach, wie ein grundlegender Wandel unserer Wirtschaftsweise in Gang gesetzt werde kann – auch vor dem Hintergrund der drängenden ökologischer Probleme, die mit dem „Diktat endlosen Wachstums“ in einer endlichen Welt einhergehen.
Schon am Eröffnungstag fand Christian Felber, der Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie, ähnlich deutliche Worte wie Grünen-Politiker Schick: „Eine Wirtschaft, die nicht dem Gemeinwohl dient, ist verfassungswidrig“. Und „Demokratie darf vor dem Geldsystem nicht haltmachen“. Zu einer neuen Geldordnung forderte er und fragt zugleich: „Soll eine Europäische Zentralbank wirklich nur der Geldwertstabilität verpflichtet sein? Nach welchen Kriterien wollen wir Geld als öffentliches Gut künftig einsetzen?“ Konkrete Antworten auf diese Fragen gibt Felbers Modell der Gemeinwohl-Ökonomie, in der Unternehmen neben der Finanzbilanz eine Bilanz sozialer und ökologischer Werte erstellen. Er will damit messen, inwieweit sich Unternehmen am Gemeinwohl ausrichten und damit der rein monetären Bewertung von Unternehmen ein Korrektiv an die Seite stellen. Bereits 160 Unternehmen haben bisher eine solche „Gemeinwohl-Bilanz“ erstellt.

Professor Helge Peukert („Das Moneyfest“) sieht einen Ausweg aus der derzeitigen Kapitalismus-Krise darin, das Finanzsystem umzubauen. Er möchte, dass die Bundesbank das alleinige Recht zur Geldschöpfung erhält. Momentan kann jedes Finanzinstitut Geld über Kreditvergaben „schöpfen“. Geld entwickelt sich auf diese Weise selbst zum Spekulationsobjekt – und verliert seine ursprüngliche Rolle als Mess- und Zahlungsmittel. Selbst dass der Staat sich Geld, z.B. für Investitionen in die Intrastruktur, ohne Verschuldung selbst zur Verfügung stellt, sieht Peukert als mögliches Instrument an, die stetig steigende Macht der Finanzmärkte zu bändigen. Doch derzeit gilt dies als finanzpolitisches Tabu. Zu tief sitze die historisch begründete Angst vor einer Hyperinflation und zu wenig würden die Ausgleichsmechanismen moderner Märkte in Rechnung gezogen.

Leitthema der Heidelberger Konferenz war die Frage, wie man zu einem Wirtschaftssystem kommt, das nicht mehr wachsen muss. Dr. Harald Bender, Leiter der Grundlagenarbeit der Akademie Solidarische Ökonomie, sieht hier das Prinzip „aus Kapital mehr Kapital machen zu müssen“ als eine der wesentlichen Ursachen für einen „systemischen Wachstumszwang“. Hier werde das Mittel des Wirtschaftens zum Selbstzweck und die Wirtschaft gerate unter den Zwang des „immer mehr“. Bender führte aus, wie das Abfließen von Renditen und Zinsen aus der Realwirtschaft in weitverzweigte Kanäle des Weltfinanzsystems zu immer neuem Kreditbedarf führt. Und zwar sowohl bei den Unternehmen als auch bei den privaten und öffentlichen Haushalten. So müsse die Verschuldung im Gleichschritt mit dem Wachstum der Vermögen ständig ansteigen. „Die Schulden der einen sind die Vermögend der anderen“, war er sich mit Peukert, Schick und Felber einig.

Im Themenforum des Kongresses erörterte Tobias Staufenberg vom BUND die Risiken des geplanten EU-Freihandelsabkommens mit den USA (TTIP), Birgit Lieber (DEAB) und Uwe Kleinert von der Werkstatt Ökonomie referierten über “Zwei Wege des fairen Handels“ am Beispiel „Verantwortlicher Beschaffung“ in Baden-Württemberg.

Der von der Akademie Solidarische Ökonomie und der GWÖ Rhein-Neckar gemeinsam geplante und durchgeführte Kongress samt dem begleitenden Markt der Möglichkeiten hat gezeigt, dass Wirtschaft keineswegs eine reine Experten-Domäne ist. Vielmehr braucht auch die Wirtschaft ein bürgerschaftliches Engagement, um Kreativität und Gestaltungswillen auch in die Weiterentwicklung unserer Art zu wirtschaften einzubringen.

Zur Tagungsdokumentation geht es hier (klicken)