Das dienende Geld

Die Befreiung der Wirtschaftspolitik vom WachstumszwangDienendes-Geld-Umschlag 400

Herausgeber: Akademie Solidarische Ökonomie

Autoren: Harald Bender, Norbert Bernholt, Klaus Simon (ergänzt mit einem „Gastbeitrag“ von Kris Kunst)

Das Buch ist im Buchhandel oder über die Geschäftsstelle bei Norbert Bernholt erhältlich.

Einleitung

Wie halten wir es eigentlich mit dem Geld? Individuell ist die Frage einfach
zu beantworten. Wir wollen möglichst viel davon haben. Mit Geld
verbindet sich die Option auf ein luxuriöses Leben mit reichlichen
Wahlmöglichkeiten. Zusätzlich bringt Geld zumeist Macht und Ansehen
mit sich. Wer will sich da schon verweigern? Geld macht zwar nicht
wirklich glücklich, aber es macht es uns schon leichter, glücklich zu
sein. Mit dieser festen Überzeugung im Hinterkopf rennen wir hinter
dem Geld her, wie der Hund hinter einer Wurst, die man ihm vor die
Nase hält. Aus eigentlich friedlichen Zeitgenossen werden da schon mal
bissige und aggressive Geschöpfe. Angesichts eines ansehnlichen Geldscheins
oder einer mehrstelligen Zahl auf dem Kontoauszug scheint die
Gattung Mensch Kopf und Anstand zu verlieren. Jegliche Zurückhaltung
wird abgelegt und nicht wenige sind bereit, auf der Jagd nach mehr
Geld und Macht den Rest der Menschheit krepieren zu lassen.
Volkswirtschaftlich betrachtet sind weitere Facetten des Geldes zu
beachten. Geld wird zu Kapital, wenn es in Unternehmen oder auf
Bankkonten angelegt wird. Damit wird es in einer kapitalorientierten
Wirtschaft zu einem entscheidenden Produktionsfaktor1. Nur wo Geld,
sprich Kapital, zur Verfügung steht, können Güter und Waren produziert
werden. Für den Erfolg einer Volkswirtschaft ist es somit von entscheidender
Bedeutung, wie Geld entstehen kann und nach welchen
Spielregeln es den Unternehmen als Kapital zur Verfügung gestellt wird.
Werden die Entstehungs- und Verteilungsmechanismen von Kapital
irgendwo gebremst, kommt der Kapitalfluss also ins Stocken, kann es zu
erheblichen Störungen im volkswirtschaftlichen Leistungsprozess kommen.
Es ist eine entscheidende Aufgabe der Geld- und Wirtschaftspolitik,
den Kapitalfluss nicht nur möglichst ungehindert in Schwung
zu halten, sondern ihn dahin zu lenken, wo er möglichst effektiv und
für die Gesellschaft nutzbringend eingesetzt wird. Das entscheidende
Triebmittel zur Steuerung des Kapitals ist die Rendite, der Lenkungsmechanismus
ist der Markt.
Es dürfte weitgehend unbestritten sein, dass die oben beschriebene
Kapitalallokation die Wirtschaft in eine lang andauernde Wachstums-
phase geführt und einem Teil der Menschheit in den letzten 200 Jahren
eine bis dahin nicht gekannte Wohlstandsmehrung beschert hat. Die
produktive Kraft des durch die Rendite getriebenen Kapitals ist evident.
Sie ist allerdings auch skrupellos und frei von moralisch-ethischen
Bedenken. So sind die Kollateralschäden des Wachstums und des westlichen
Wohlstands fürchterlich. Damit eine Minderheit im Luxus baden
kann, darf sich die Mehrheit der Menschen im Staub wälzen. Seit nunmehr
gut 50 Jahren ist zudem absehbar, dass die enorme Produktivität
des Kapitals die ökologische Lebensgrundlage aller auf der Erde lebenden
Menschen zerstört. Wieder trifft es zunächst die Armen und
Schwachen, aber die ökologische Katastrophe wird auch vor der reichen
Minderheit nicht haltmachen. Die selbst geschaffenen sozialen und
ökologischen Probleme werden auf die Verursacher dieser Probleme
zurückschlagen. Das Modell des fortdauernden Wirtschaftswachstums
und der auf Gütermehrung beruhenden Wohlstandssteigerung hat
ausgedient.
Was ist zu tun? Bei dieser Frage sind wir alle einigermaßen ratlos.
Strategien, die an unserem individuellen Verhalten ansetzen (z.B. be -
wusster und weniger konsumieren) sind unbedingt nötig, sie reichen
aber nicht aus. Wir benötigen auch einen strukturellen Wandel, der die
derzeitigen, als sogenannte Sachzwänge titulierten, ökonomischen Lehren
infrage stellt und neu im Sinne einer nachhaltigen Wirtschaftsweise
justiert. Die Einsicht in die Notwendigkeit eines radikalen Kurswechsels
sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der individuellen Ebene
setzt sich in immer größer werdenden Teilen der Bevölkerung durch. Es
entstehen an vielen Stellen Bewegungen, die Veränderungen initiieren
und einfach ausprobieren, vielerorts wird laut über grundlegende ökonomische
Veränderungen nachgedacht. In der Gesellschaft gärt es.
Dieses Buch setzt weniger an den individuellen Verhaltensstrategien
sondern an den grundlegenden ökonomischen Fragen an. Nach Auffassung
der Autoren liegt in den kapitalistischen Grundprinzipien und hier
besonders in dem Geld- und Finanzwesen der entscheidende Hebel, um
sich aus der vielfach beschriebenen Wachstumsfalle zu befreien. Eine
Wirtschaft, die sich nicht unter das Diktat des fortwährenden Wachstums
stellen will, muss sich, dies ist eine zentrale These dieses Buches,
von einem kapitalorientierten und auf ständige Renditesteigerung
getriebenen Geld- und Finanzwesen trennen. Eine gesunde Wirtschaft
kann wachsen, sie muss es aber nicht. Dies ist die zweite These, die wir
zur Diskussion stellen. Wir stellen hierzu den Entwurf eines neuen Geldund
Finanzsystems vor, in dem das Geld möglichst ungehindert dorthin
fließen kann, wo es benötigt wird, ohne dabei die oben beschriebenen
Kollateralschäden zu verursachen. Es geht dabei also um ein Geldsystem,
das den expliziten Anspruch hat, sich in den Dienst des Gemeinwohls
zu stellen. Geld soll dienen und nicht herrschen. Man mag diese
zugegebenermaßen theoretischen Überlegungen als Traumtänzerei und
unverbindliche Vision abtun. Aber abgesehen davon, dass man dazu
zunächst die von uns vorgetragene Argumentation widerlegen müsste,
fordern wir geradezu visionäres Denken ein, um aus der gegenwärtigen
Sackgasse herauszukommen. Die Gesellschaft benötigt dringend Konzepte
und Entwürfe, an denen sie sich orientieren kann, die sie dann in
demokratischer Manier bestätigen oder ablehnen kann.
Es ist uns durchaus bewusst, dass wir uns nicht nur gegen den aktuellen
kapitalorientierten Mainstream stellen, wir rütteln auch an den
Grundfesten unserer Denkgewohnheiten, wenn wir in unseren Ausführungen
Geld auf ein einfaches volkswirtschaftlich notwendiges
Instrument reduzieren und ihm damit jeglichen Zauber nehmen. Wird
das funktionieren? Wir sind da durchaus unsicher, denn wir bewegen
uns hier ja nicht in einem regelbaren ökonomischen System sondern in
einem über einen langen Zeitraum entstandenen kulturellen Umfeld.
Insofern ist davon auszugehen, dass die notwendige Umstellung in
unseren Köpfen (und Herzen) einige Zeit in Anspruch nehmen wird.
Gewohnheiten, die sich über Jahrhunderte eingeschliffen haben, lassen
sich nicht von heute auf morgen ändern.
Wie es sich in einem demokratisch verfassten Staat gehört, wird das
Tempo des Wandels und der Weg zu der neuen Wirtschaftsweise von
der Bevölkerung entschieden.4 Aus diesen – wie auch immer – gestalte-
ten demokratischen Prozessen mag etwas ganz anderes herauskommen,
als wir hier in diesem Buch vorstellen. Das ist an dieser Stelle unwichtig.
Wir möchten mit diesem Buch Mut machen, sich auf den Weg zu
machen und uns endlich von einem der dümmsten Sätze der letzten
Jahre zu befreien, es gäbe keine Alternative zu der jetzigen Wirtschaftsweise.
Ein Satz, der leider enorme Wirkung in unseren Köpfen entwickeln
konnte.
Zum Aufbau des Buchs oder was Sie erwarten können:
Die Beiträge in diesem Buch resultieren aus der Arbeit in den Gruppen
der Akademie Solidarische Ökonomie. Ohne die Diskussionen auf den
Tagungen und die zahllosen Mails, in denen sich die Positionen langsam
entwickelt haben, wären diese Texte nie formuliert worden. Das Buch
enthält vier in sich geschlossene Beiträge, die sich aus unterschiedlichen
Perspektiven mit der Bedeutung des Geldes bzw. der Geld- und Finanzverfassung
für eine nachhaltige Wirtschaftsweise auseinandersetzen.
Auch wenn die Beiträge sich aufeinander beziehen, sind sie so verfasst,
dass sie für sich alleine stehen können. Sie sollten für den Leser oder die
Leserin auch verständlich sein, wenn sie isoliert gelesen werden.
Im ersten Beitrag von Klaus Simon steht die Analyse im Vordergrund.
Er versucht hier, den Nebel um den Begriff des Geldes zu lüften,
indem er die verschiedenen Gelddefinitionen und die darauf aufbauenden
Aussagen über das Geld der Realität gegenübergestellt. Dazu
dienen deutsche und zum Teil auch internationale Daten der Geldmengenentwicklung.
Die Zahlen ermöglichen nicht nur eine Bewertung
bestehender Kontroversen zum Geld. Zugleich werden den Leserinnen
und Lesern die Fehler des jetzigen Geldsystems klar vor Augen geführt
und damit bereits ein Teil der Ursachen der aktuellen und zukünftig
drohenden Finanzkrisen benannt.
Im zweiten Beitrag von Harald Bender wird zunächst die Ursachenfrage
vertieft, indem er aufzeigt, wie der Schuldgeldmechanismus zu
einem fortwährenden Abfluss von Zinsen und Renditen aus den Unternehmen
führt und damit dauerhaft nicht integrierbare Widersprüche
im volkswirtschaftlichen System provoziert. Als Alternative werden
anschließend Rahmenbedingungen und Steuerungsinstrumente einer
sozialökologisch nachhaltigen Finanzverfassung vorgestellt und deren
Auswirkungen auf das strategische Verhalten der Unternehmen erörtert.
Da sich unternehmerisches Verhalten nicht automatisch aufgrund
einer neuen Finanz- und Geldordnung am Gemeinwohl orientieren
wird, müssen gleichzeitig grundlegende Systemweichen in der Unternehmensverfassung
neu gestellt werden. Als zentrale Bausteine dieser
neuen Verfassung werden das Konzept einer drittelparitätischen Partizipation,
eine mehrdimensionale Bilanzierung der Unternehmen und
das Konzept der Kapitalneutralisierung in großen Unternehmen zur
Diskussion gestellt.
Der dritte Beitrag von Norbert Bernholt erläutert ausführlich den
Ansatz und die Funktionsweise eines Vollgeldsystems als Bestandteil
einer neuen solidarischen Ökonomie und entwickelt daraus ein neues
Zielsystem für eine solidarische Wirtschaftspolitik. Das in einer kapitalistischen
Marktwirtschaft zentrale Ziel des stetigen und angemessenen
Wirtschaftswachstums wird es in der hier vorgestellten Wirtschaftsweise
nicht mehr geben. Die Argumentation stützt sich auf die im zweiten
Kapitel vorgestellten Rahmenbedingungen und Steuerungsmechanismen
und integriert sie in eine makroökonomische Betrachtungsweise.
Wie zu zeigen sein wird, ergeben sich hieraus gravierende Veränderungen
sowohl für die Finanzierung des Staates als auch für seinen politischen
Handlungsspielraum. Zudem wird der hier vorgestellte Transformationsprozess
nur möglich sein, wenn sich gleichzeitig neue
bürgernahe Formen der demokratischen Willensbildung entwickeln.
In dem vierten Beitrag von Kris Kunst wird die dominierende Rolle
des Marktsektors und der darauf aufbauenden Finanzierung des öffentlichen
Sektors grundsätzlich infrage gestellt. Alternativ entwirft Kunst
das Modell einer autonomen Staatsfinanzierung, in der sich der Staat
unabhängig von der Leistung des Marktsektors finanziert.
Allen Beiträgen in diesem Buch liegt die These zugrunde, dass die
hier vorgeschlagenen Weichenstellungen geeignet sind, die bekannten
Verwerfungen einer kapitalorientierten Wirtschaftsweise zu vermeiden,
sie aber trotzdem zu einem besseren Leben für die Menschen, die in
dieser Gesellschaft leben, führen werden. Dabei ist es uns wichtig zu
betonen, dass es uns um das Aufzeigen von Weichenstellungen und
nicht um detaillierte Durchführungsbestimmungen zu einzelnen wirtschaftlichen
Abläufen geht. Der aufmerksamen Leserin bzw. dem aufmerksamen
Leser wird auffallen, dass sich die Positionen der Autoren
in den einzelnen Beiträgen durchaus unterscheiden. Wir haben diese
Differenzen bewusst so stehen lassen, da es uns eben nicht darum geht,
ein fertiges Konzept anzupreisen, sondern – ausgehend von gemeinsamen
Prämissen – eine Palette von Alternativen zur jetzigen Wirtschaftsweise
vorzustellen. Ob eine der hier vorgestellten Möglichkeiten
sich in einem offenen Transformationsprozess durchsetzen wird, wollen
und können wir nicht entscheiden.
Es wäre ganz in unserem Sinne, wenn wir mit unseren Vorschlägen
eine möglichst breite Diskussion initiieren könnten. Nehmen Sie, geehrte
Leserinnen und Leser, unsere Vorschläge als Anregung und Ausgangspunkt
für einen konstruktiven demokratischen Verständigungsprozess,
aus dem sich dann die notwendigen Veränderungen entwickeln
können.
Norbert Bernholt

 

Inhalt

Einleitung – Norbert Bernholt

Grundfehler des herrschenden Geldsystems – Klaus Simon

Was ist Geld?
  • Grundsätzliches
  • Geldarten und Geldmengen
  • Schöpfen und Vernichten von Zentralbankgeld
  • Schaffen und Vernichten von Giralgeld
  • Der Prozess der multiplen Geldschöpfung
Das Schuldgeldprinzip
  • Menge Giralgeld gesamt
  • Giralgeldguthaben und -kredite
Schaffen Geschäftsbanken zu viel Giralgeld?

I. Geld aus Luft?

II. Einzig Spareinlagen können Kredite speisen?

III. Freie Liquiditätsreserven

Was passiert in der Realität?

Interbankengeld
  • Was ist Interbankengeld?
  • Das rasante Wachstum des Interbankengeldes
  • Spekulation
  • Wie entsteht Interbankengeld?
  • Auswirkungen
Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
  • Giralgeld und Interbankengeld
  • Grundfehler und denkbare Korrekturen

Der Umbau der Finanzsysteme – Harald Bender

Finanzkrise und Transformationsprojekt
  • Eurokrise, Souveränitätsverlust und soziale Spaltung
  • Strukturelle Defizite
  • Umbauziele und Rahmenbedingungen
Das heutige Geld- und Finanzsystem
  • Geld als Übereinkunft
  • Schuldgeld und Schuldgeldschöpfung
  • Geldzirkulation und Kredit
Umbau und Transformationsschritte
  • Eigentumsordnung und Investitionssteuerung
  • Neue Kriterien wirtschaftlichen Handelns
  • Die Vergesellschaftung des Kapitals
  • Die Schöpfung öffentlichen Kapitals
  • Neue Finanzierungsformen
Umbaustufen, Maßnahmen und Zielhorizonte
  • Kurzfristige Maßnahmen
  • Mittelfristiger Umbau
  • Langfristiger Zielhorizont
Resümee und Ausblick

Die Befreiung der Wirtschaftspolitik vom Wachstumszwang – Norbert Bernholt

Vorüberlegungen
Wirtschaftspolitische Zielsetzungen
  • Das zurzeit geltende Zielsystem
  • Das Zielsystem in einer neuen Ökonomie
Das neue Geldsystem
  • Die Grundidee
  • Das Konzept des Vollgeldes
  • Die Rolle der Geschäftsbanken
  • Finanzmärkte
Geldpolitik als Instrument einer Wirtschaftspolitik ohne Wachstumszwang
  • Geldzufluss
  • Finanzierung des Staates
  • Dem Kreislauf Geld entziehen
  • Das nationale Vollgeldsystem in einem globalen Kontext

Direkte Staatsfinanzierung als Grundlage für ein Primat der Politik – Kris Kunst

  • Der steuerfinanzierte Staat als Kostgänger des privaten Kapitals
  • Direkte Staatsfinanzierung über die Zentralbank
  • Souveränität über die Geldverteilung
  • Ein neuer Pfad der politischen Transformation

Nachgedanken – Norbert Bernholt